Phasengerechte Behandlung der Schizophrenie
Stellenwert der ambulanten Versorgung beim niedergelassenen Psychiater
Schizophrenie ist eine Erkrankung, die sich in der Regel während der späten Adoleszenz oder dem frühen Erwachsenenalter manifestiert. Sie verläuft häufig rezidivierend mit chronischen Verläufen. Dem niedergelassenen Psychiater kommt dabei in der Versorgung der Patienten eine Schlüsselrolle zu, denn er wird als erstes mit beginnenden Symptomen der Prodromalphase konfrontiert. Werden diese von ihm rechtzeitig identifiziert, können gezielte Maßnahmen der Frühintervention eingeleitet werden. Kommt es dennoch zu einer akuten Psychose, geht es um eine rasche Symptomkontrolle, die ambulant und stationär erfolgen kann. Nach einer erfolgreichen akuten Stabilisierung erfolgt die langfristige ambulante Erhaltungstherapie. Hier haben sich nicht nur die Therapieziele geändert, sondern auch die verfügbaren therapeutischen Optionen.
Diese Arbeit geht auf aktuelle Aspekte in der phasengerechten Behandlung der Schizophrenie ein, unter besonderer Betrachtung der Rolle des niedergelassenen Psychiaters.
Schlüsselwörter: Schizophrenie, ambulant, phasengerechte Behandlung
Psychopharmakotherapie 2018;25:161–8.
Wirksamkeit des Johanniskrautextrakts STW3-VI
Eine Reanalyse gepoolter Daten zweier Placebo-kontrollierter Studien
Um weitere Hinweise für die Wirksamkeit eines Johanniskrautextrakts (STW3-VI) zu erlangen, wurden die Daten zweier randomisierter, Placebo-kontrollierter Studien (gesamte Teilnehmerzahl: 401) unterschiedlichen weiteren Analyseschritten unterzogen: zum einen einer gepoolten Analyse des Verlaufs des Gesamtwerts der Hamilton-Depressions-Skala-17-Items (HAMD-17) sowie der Einzelitems, einer Faktorenanalyse zu Beginn und zu Ende der Studien sowie zu der Differenz (der HAMD-17); des Weiteren wurde der prädiktive Wert der initialen Besserung für die Remission (HAMD-17-Gesamtscore ≤ 8) untersucht. Es zeigte sich, dass der Gesamtwert des HAMD-17 in der STW3-VI-Gruppe deutlich stärker abfiel als in der Placebo-Gruppe. Dieser Unterschied war bereits in der dritten Woche statistisch signifikant und betrug zum Ende der Studie (Woche 6) 4,4 Punkte (p < 0,01). In sämtlichen HAMD-17-Einzelitems außer bei depressiver Hemmung, Gewichtsverlust und Krankheitseinsicht zeigte sich ebenfalls ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen der Verum- und der Placebo-Gruppe. Die Faktorenanalyse ergab zum Zeitpunkt Tag 0 eine multifaktorielle Lösung, zum Zeitpunkt Woche 4 eine vierfaktorielle Lösung. Die initiale Besserung (bis zur Woche 2 um mindestens 20 % des HAMD-17-Gesamtwerts) besaß einen hohen prädiktiven Wert für die Remission am Ende der Behandlung. Diese Ergebnisse werden im Kontext anderer Untersuchungen mit ähnlicher Methodik diskutiert. Die Ergebnisse sind in guter Übereinstimmung zu Studien mit synthetischen Antidepressiva.
Schlüsselwörter: Johanniskrautextrakt, Depression, STW3-VI, Faktorenanalyse, Re-Analyse, Antidepressiva, Phytopharmakon
Psychopharmakotherapie 2018;25:170–6.
English abstract
Efficacy of the hypericum-extract STW3-VI – a reanalysis of pooled data of two placebo-controlled trials
To sample further information regarding the efficacy of a St. John’s wort extract (STW3-VI), the data of two randomized, placebo-controlled trials (total number of participants: 401) were analyzed using different approaches: the course of the pooled data of the Hamilton Depression Scale (HAMD-17) total score and also of the single items of the HAMD-17 was calculated; a factor analysis of the HAMD-17 at the beginning, at the end, and also using the difference was performed; and the predictive power of the initial decrease in the HAMD-17 total score for the remission (HAMD-17 total score ≤ 8) at the end of the trial was analyzed. The HAMD-17-total score decreased in the STW3-VI-group considerably more than in the placebo group, the difference was already statistically significant at week 3 and reached difference of 4.4 points at week 6 (p < 0.01). In all HAMD-17 single items (beside retardation, loss of weight, and insight) a statistically significant difference was found, too. A factor analysis resulted in a multi-factorial result for week 0 and a four-factorial solution for week 6. The initial reduction of the HAMD-17 total score of at least 20 % at week 2 predicted the remission at week 6. These results are discussed in the light of other investigations using similar methods. A good concordance with studies using synthetic antidepressants was found.
Key words: Hypericum extract, depression, STW3-VI, factor analysis, re-analysis, antidepressants, phytopharmacon
Antikonvulsiva: Spektrum der Verordnung und Morbidität
Explorative Analyse anhand einer Vollerfassung der Abrechnungsdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung
In einem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt wird der Off-Label-Use häufig verordneter Arzneimittel in einer Vollerfassung der Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung (Daten nach §§ 303a ff. SGB V) untersucht, um einerseits Erkenntnisse über seine Häufigkeit und Art zu gewinnen und andererseits Ansätze für gezielte Forschung für seltene Krankheiten gemäß dem Nationalen Aktionsplan für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE) zu identifizieren. In den Jahren 2010 und 2011 variierte der Off-Label-Use der 16 untersuchten Antikonvulsiva zwischen 1 % (Lacosamid) und über 60 % (Clonazepam, Sultiam). Dieser war teilweise unscharfem Kodieren (z. B. Sultiam) zuzuschreiben und galt ansonsten insbesondere psychischen Störungen (Valproinsäure bei Schizophrenien, Clonazepam bei Depression), Tremor (Primidon, Clonazepam), Restless-Legs-Syndrom (Clonazepam), Migräne (Valproinsäure) und einer Vielzahl anderer mit chronischem Schmerz assoziierter Krankheiten. Jenseits der unmittelbar mit den zugelassenen Anwendungsgebieten verbundenen bzw. der mutmaßlich den Off-Label-Use motivierenden Morbidität zeigte sich keine Häufung anderer Komorbiditäten. Als seltene Krankheiten, denen der Off-Label-Use gegolten haben konnte, wurde möglicherweise der familiäre Myoklonus identifiziert, wobei wegen der Grenzen der ICD seltene Epilepsie-Syndrome unidentifizierbar bleiben mussten.
Schlüsselwörter: Antikonvulsiva, Off-Label-Use, Nationaler Aktionsplan für Menschen mit Seltenen Erkrankungen, NAMSE
Psychopharmakotherapie 2018;25:177–94.
Pro Patientenperspektive
Bericht vom 13. GESENT-Kongress, Berlin, 7./8. Dezember 2017
Das Programm des 13. GESENT-Kongresses spannte erneut den Bogen von der klinischen Forschung über regulatorische Fragen bei Arzneimittelzulassung und Nutzenbewertung bis zu praktischen Fragen der Patientenversorgung und Ansätzen der Versorgungsforschung. Der Zielsetzung der GESENT (Deutsche Gesellschaft für experimentelle und klinische Neuro-Psychopharmako-Therapie) entsprechend, ermöglichte der Kongress einen intensiven Austausch zwischen Klinikern, Repräsentanten der Regulierungsbehörden und der pharmazeutischen Industrie sowie Patientenvertretern.
Psychopharmakotherapie 2018;25:195–8.
Weiterbildungs-Curriculum Psychopharmakologie/Pharmakotherapie
Teil 4: Psychopharmakologie und klinische Psychopharmakotherapie der Stimulanzien
Psychopharmakotherapie 2018;25: 199–207.
Myoklonien unter Polypharmazie
Kasuistik aus dem Projekt „Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie“ e. V. (AMSP)
Myoklonien sind kurze, plötzliche und unwillkürliche Muskelzuckungen, die als unerwünschte Arzneimittelwirkung vieler Medikamente auftreten können. Sie sind zudem als Symptom im Rahmen des Serotoninsyndroms beschrieben. Im folgenden Fall erlebte ein Patient nachts für ihn beunruhigende Muskelzuckungen. Zu diesem Zeitpunkt nahm der Patient Venlafaxin und Risperidon, Lorazepam wurde gerade langsam abdosiert sowie Pipamperon als Bedarfsmedikation verschrieben. Der vorliegende Fall wurde im Projekt „Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie“ (AMSP) dokumentiert und im Rahmen des Auswertungsprozesses bei regionalen und überregionalen Konferenzen beurteilt. AMSP erfasst seit 1993 systematisch das Auftreten schwerer, neuer und ungewöhnlicher Arzneimittelnebenwirkungen von Psychopharmaka in der Behandlung stationärer psychiatrischer Patienten [6].
Schlüsselwörter: Polypharmazie, Myoklonus, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, AMSP
Psychopharmakotherapie 2018;25:208–10.
Analyse von CYP450-Wechselwirkungen: kleiner Aufwand, große Wirkung
Das Interaktionspotenzial der Proteinkinase-Inhibitoren
Der Abbau vieler in der Onkologie eingesetzter Proteinkinase-Inhibitoren ist primär abhängig vom Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzym 3A4, andere Isoenzyme haben eine nachgeordnete Bedeutung im Metabolismus (Tab. 1). In den Tabellen 2 und 3 werden die Plasmaspiegeländerungen der zur Zeit in Deutschland verfügbaren Wirkstoffe in Kombination mit starken CYP3A4-Modulatoren aufgeführt. Einzelne Proteinkinase-Inhibitoren haben selbst modulierende Eigenschaften auf CYP-Enzyme und können die Exposition anderer Arzneimittel beeinflussen.
Psychopharmakotherapie 2018;25:211–4.
Spinale Muskelatrophie
Nusinersen im Vergleich zu Placebo bei Kindern mit Krankheitsbeginn nach dem 6. Lebensmonat
Mit einem Kommentar des Autors
In einer multizentrischen, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-III- Studie mit 126 Kindern, bei denen nach dem 6. Lebensmonat die spinale Muskelatrophie auftrat, war die Therapie mit dem Antisense-Oligonukleotid Nusinersen bezüglich motorischer Funktionen gegenüber Placebo überlegen. Das ergab die CHERISH-Studie.
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
Risiko nach Topiramat im ersten Trimenon vor allem bei 200 mg/Tag deutlich erhöht
Topiramat im ersten Trimenon eingenommen erhöht das Risiko für eine orale Spalt-Missbildung bei den Neugeborenen insgesamt um das Dreifache. Aufgeschlüsselt nach Tagesdosen liegen die Risiken bei einer Exposition von täglich 200 mg, beispielsweise im Rahmen einer Epilepsietherapie, deutlich höher als bei Exposition von täglich 100 mg, beispielsweise im Rahmen einer Migräne-Prophylaxe.
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Lisdexamfetamin: Eine effektive Therapieoption ebenso für Erwachsene
Zum fünfjährigen Jubiläum von Lisdexamfetamin (LDX; Elvanse®) diskutierten Experten aktuelle Studienergebnisse und Herausforderungen innerhalb der Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), insbesondere bei Patienten in der Übergangsphase zum Erwachsenenalter. Kinder und Jugendliche ab sechs Jahren sowie Erwachsene mit ADHS, bei denen sich eine Therapie mit Methylphenidat als unzureichend herausgestellt hat, können von Lisdexamfetamin profitieren.
Cannabiskonsum
Auswirkungen auf geistige Leistungsfähigkeit gering und reversibel
Jugendliche und junge Erwachsene, die Cannabis konsumieren, weisen zwar signifikant, aber nur geringfügig schlechtere kognitive Fähigkeiten auf. Eine längere Abstinenzzeit scheint den negativen Effekt wieder rückgängig zu machen. Das ergab eine Metaanalyse von 69 Studien.
Psychose bei Alzheimer-Demenz
Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von Pimavanserin
Mit einem Kommentar des Autors
Der selektive 5-HT2A-Rezeptorantagonist und inverse Agonist Pimavanserin verbesserte nach sechs Wochen signifikant die Symptome einer Psychose, die im Rahmen einer Alzheimer-Erkrankung auftreten. Dieser Unterschied war nach zwölf Wochen nicht mehr nachweisbar. Das ergab eine randomisierte, doppelblinde, Placebo-kontrollierte Phase-II-Studie mit 181 Alzheimer-Patienten, die unter Psychosen litten.
Langfristiges Management bei Schizophrenie
Therapie in zwei Stufen mit Paliperidonpalmitat
Für die Kontinuität der Schizophrenietherapie können langwirksame Formulierungen einen wichtigen Baustein darstellen, da der Patient nicht täglich an die Arzneimitteleinnahme denken muss. Der Wirkstoff Paliperidonpalmitat ist in zwei Formulierungen mit verschiedenen Applikationsintervallen verfügbar, die in zwei Stufen eingesetzt werden können. Der Stellenwert für die Rückfallprophylaxe und Therapiekontinuität wurde in einem Pressegespräch der Firma Janssen thematisiert.
Multiple Sklerose
Neue Studiendaten zur Linderung von Spastik und Schmerzen
Das Cannabinoid-haltige Oromukosal-Spray Sativex® ist ein Add-on-Therapeutikum bei MS-induzierter Spastik. Eine kürzlich publizierte Studie, die auf dem diesjährigen DGKN-Kongress vorgestellt wurde, bestätigt seine Wirksamkeit und Verträglichkeit.
Schubförmig remittierende multiple Sklerose
Langzeit- und Real-World-Daten zur Wirksamkeit von Dimethylfumarat
Dimethylfumarat (DMF) hat sich in der Therapie der schubförmig remittierenden multiplen Sklerose etabliert. Weltweit liegen Erfahrungen bei 271 000 Patienten in 62 Ländern vor [5]. Aktuelle Real-World-Daten bestätigen nun die klinische Evidenz zur Wirksamkeit, auch im Praxisalltag, wie bei einer Pressekonferenz der Firma Biogen erläutert wurde.